Wie Software aus Bochum medizinische Forschung weltweit voranbringt

Daten können lebenswichtig sein. Gerade in der Medizin und bei der Behandlung von Patient*innen. Die Kairos GmbH aus Bochum sorgt dafür, dass medizinische Daten weltweit einheitlicher verarbeitet werden und trägt so zum medizinischen Fortschritt bei. 

Manchmal nimmt das Leben ungewöhnliche Wendungen. Martin Zünkeler – Gründer der Kairos GmbH, die Software für die medizinische Forschung programmiert – ist eigentlich gelernter Fachanwalt für Steuerrecht. "Aber der Anwaltsberuf war nicht wirklich was für mich", sagt der Unternehmer. "Also habe ich etwas anderes ausprobiert." 

So kam Zünkeler eher zufällig in die Werbebranche. Einer seiner ersten Kunden: Der IT-Gigant Microsoft. "Da kam ich zum ersten Mal in Berührung mit sogenannten Krankenhausinformationssystemen. Also im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtige Software, die medizinische Daten in Krankenhäusern verarbeitet. Irgendwie hat mich das gepackt." 

Technisch war schon alles möglich 

Zünkeler dachte damals im Jahr 2000, dass eigentlich jeder Krankenwagen mit einem tragbaren Rechner ausgestattet werden müsste, um Patienteninformationen noch auf dem Weg ins Krankenhaus zu übermitteln und so wertvolle Zeit zu sparen. Technisch war das alles bereits möglich. 

Doch in Deutschland war man noch weit entfernt von digitalen Krankenhausinformationssystemen. "Da war die Digitalisierung ungefähr so weit vorangeschritten wie in den Anwaltskanzleien, in denen ich zuvor gearbeitet hatte: alles noch schön mit Zettel, Stift und Diktaphon", sagt Zünkeler und lacht. Also gründete er 2004 sein erstes Unternehmen CoMMed für Krankenhaus-Informationssoftware, das bald darauf an einen strategischen Investor verkauft wurde. Im Jahr 2009 folgte die Gründung von Kairos aus der Charité heraus.

"Inzwischen wird verstanden, wie wichtig das ist" 

"Als wir anfingen, hatten wir die große Vision, dass unser System die Forschungsinstanz an allen Unikliniken in Deutschland, Europa und der Welt werden sollte", sagt Zünkeler. Und tatsächlich: Heute ist die Software des Bochumer Unternehmens in Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt installiert.  

Das liegt auch daran, dass die Bedeutung von Forschungs-IT in den letzten Jahren stark zugenommen hat. "Inzwischen wird verstanden, wie wichtig das ist", so Zünkeler. Gut für den medizinische Fortschritt und gut für Kairos: Das Unternehmen konnte seinen Umsatz in den letzten zehn Jahren fast verfünffachen.  

Datenschutz und ethische Verantwortung 

Die CentraXX-Produktfamilie bildet das Herzstück von Kairos. Der Name steht für das zentrale Sammeln und Nachverfolgen von Informationen – daher die englische Verbindung aus den Wörtern "Central" und "Tracks". Von einer Software speziell für einzelne Studien über Biodatenbanken bis hin zur Patienten-App bietet Kairos eine ganze Palette spezialisierter Programme für den medizinischen Bedarf. Und das alles natürlich datenschutzkonform.  

"Die Datenschutzgrundverordnung war für uns ein positiver Impuls: Endlich mussten sich Kliniken damit auseinandersetzen und auf professionelle Software zurückgreifen. Vorher wurde so etwas auch gerne mal selbst zusammengeschustert", erzählt Zünkeler.   

Dem Unternehmer war allerdings auch wichtig, dass der Datenschutz nicht die Forschung behindert oder sogar verhindert. "Das höchste Gut ist schließlich immer noch Leib und Leben", so Zünkeler. Mit seinem juristischen Hintergrund konnte er Datenschutzbeauftragte davon überzeugen, dass ein Konservieren des Status quo Menschenleben kostet. "Wenn ein Patient die Diagnose Krebs bekommt, will er ja eben so gläsern wie möglich sein, damit die medizinische Forschung sein Leben retten kann." 

RVR-Gesundheitsstudie

Digital-Health-Unternehmen im Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet verfügt im Vergleich zu anderen Regionen über eine hohe Anzahl an Unternehmen, die im Bereich Digital Health tätig sind. Laut der RVR-Studie "Digital Health: Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft in der Metropole Ruhr" gibt es im Ruhrgebiet 56 Digital Health-Unternehmen, von denen 26 Start-ups sind. Regional konzentrieren sich die Unternehmen innerhalb des Ruhrgebiets auf Bochum mit insgesamt 19 Unternehmen (davon 6 Start-ups), gefolgt von Essen mit 13 (7 Start-ups) und Dortmund mit 11 (6 Start-ups). 

Ein Kind des Ruhrgebiets 

2021 hat Zünkeler die Kairos GmbH an den US-amerikanischen Konzern IQVIA verkauft. Allerdings nicht, um sich auf seinem Erfolg auszuruhen. Der Unternehmer leitet die Geschäfte weiterhin. "Aber mit solch einem globalen Konzern im Rücken, der 14 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr macht, kann man noch viel mehr für die Forschung erreichen." 

Warum Zünkeler nicht im sonnigen Silicon Valley statt in Bochum wohnt? "Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Egal, wo ich bin, ich gehe immer wieder zurück. Mein Urgroßvater hat die Koepe-Förderung, also eigentlich den modernen Bergbau, miterfunden. Ich habe hier mit meinem Kollegen schon beim VfL Bochum in der Jugend gespielt. Das ist meine Heimat. Für neue Unternehmen ist das Ruhrgebiet immer noch ein Geheimtipp, obwohl sich die Lebensqualität in den letzten 30 Jahren kolossal verbessert hat", sagt er. Zudem seien die Lebenshaltungskosten noch niedrig, Wohnungen und Häuser im Vergleich zu anderen Metropolregionen in Deutschland relativ günstig. "Ich gehe davon aus, dass gut ausgebildete Youngstars nicht mehr unbedingt nach München oder Berlin abwandern, auch wegen der weiter hybriden Arbeitsplatzsituation. Für eine 'freche Schnauze' muss man als Start-up nicht nach Berlin. Die Ausbildungssituation ist hier hervorragend und es gibt eine Infrastruktur mit vielen Gesundheitszentren, weshalb auch das Thema Digital Health im Ruhrgebiet schnell wachsen konnte." 

+++ ZUR PERSON +++

Martin Zünkeler ist gelernter Jurist und Marketingexperte. Der Bochumer war Marketingleiter beim medizinischen Softwarehersteller Torex, bevor er 2004 mit CoMMed in Dortmund ein eigenes Unternehmen für Krankenhaus-Informationssoftware gründete. Nach dem Verkauf der Firma gründete er 2009 Kairos in Bochum.  

Bilder: Kairos GmbH

Overlay schliessen