Wie Virtual Reality die medizinische Versorgung unterstützen kann

Ob in der Prävention, Therapie oder Rehabilitation – Virtual Reality kann helfen, Patient*innen besser zu behandeln. Die Hochschule für Gesundheit in Bochum erforscht die Potenziale der Technologie.

Wenn Wolfgang Deiters seine VR-Brille aufsetzt, wirkt es zunächst, als würde er ein neues Virtual-Reality-Spiel ausprobieren. In Wirklichkeit testet der Professor für Gesundheitstechnologie einen der Prototypen, die er und seine Kolleg*innen im Forschungsprojekt "Health Reality" an der Hochschule für Gesundheit entwickelt haben. Das Verbundprojekt untersuchte, wie VR-Anwendungen im Gesundheitswesen sinnvoll genutzt werden können. Die Hochschule beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung von Prozessen im Gesundheitswesen und den Potenzialen von Virtual Reality für die Branche.

 "Die Idee des Projekts war es, die Entwickler*innen-Szene mit der Gesundheitsbranche zusammenzubringen, um gemeinsam Innovationen zu schaffen", sagt Deiters. "Die Entwickler*innen haben das technische Verständnis, wissen aber oft nicht, was man mit VR abseits von Unterhaltung anstellen kann. Die Mediziner*innen wiederum kennen die Potenziale von VR nicht." In Workshops haben sich verschiedene Expert*innen ausgetauscht und sich einen Überblick über bereits vorhandene VR-Anwendungen verschafft.

Virtual Reality verbessert Ausbildungsqualität

Medizinische Einrichtungen profitieren schon heute von der VR-Technologie. Das Forschungsprojekt von Wolfgang Deiters zeigt das deutlich: Virtuelle Simulationen helfen etwa dabei, Operationen oder Situationen in einer sicheren Umgebung zu üben. Mithilfe einer VR-Brille können zum Beispiel angehende Therapeut*innen eine typische Betreuungssituation trainieren.

VR kann aber auch eingesetzt werden, um Patient*innen für bestimmte Situationen zu sensibilisieren. "Viele Kinder haben Angst vor einer Magnetresonanztomografie (MRT). Die enge Röhre, der Lärm und das Stillliegen sind für sie eine ungewohnte Situation", sagt Deiters. In der Kinderonkologie am Uniklinikum Essen wurde dazu eine VR-App für das Smartphone entwickelt. Sie bereitet Kinder auf die Untersuchung vor. In kleinen Spielen erkunden sie den Untersuchungsraum und üben, ruhig zu liegen.

Virtual Reality hat noch einen weiteren positiven Effekt: VR-Anwendungen können helfen, den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen zu entschärfen. "Wir brauchen neue Versorgungskonzepte, und VR kann dabei unterstützen", sagt der Professor. Schon heute gebe es immer mehr telemedizinische Angebote wie etwa therapeutische Videosprechstunden. Deren Qualität könne mit VR weiter verbessert werden. "Das bedeutet natürlich nicht, dass sich die Patient*innen nun alle eine VR-Brille kaufen müssen", sagt Deiters. Man könne moderne Beratungsangebote wie Gesundheitskioske mit dem notwendigen Equipment ausstatten. "Patient*innen könnten auf diesem Wege Zugang zu neuen Gesundheitsangeboten bekommen."

Virtual Reality

VR steht für Virtual Reality oder virtuelle Realität. Virtual Reality versetzt die Benutzer*innen durch spezielle Hard- und Software in eine vollständig digitale Umgebung. Das kann ein simulierter Flug oder eine virtuelle Skifahrt sein. Die bekannteste Art, virtuelle Realität zu erleben, ist die VR-Brille. Sie verfügt über hochauflösende Displays, die künstliche Bilder erzeugen. Gleichzeitig erfassen Sensoren die Position und Lage des Kopfes. Die Nutzer*innen können sich in der virtuellen Realität bewegen und mit dem Geschehen interagieren.

Ruhrgebiet bietet gute Voraussetzungen für Forschung und Entwicklung

Für Wolfgang Deiters ist die Metropole Ruhr aufgrund ihrer Heterogenität ein guter Ort, um solche innovativen Ideen voranzutreiben: "Das Ruhrgebiet ist ein Ballungsraum mit vielen Kliniken, Gesundheitseinrichtungen und Start-ups, mit denen man zusammenarbeiten kann. Für jede medizinische Fragestellung findet man hier den richtigen Ansprechpartner", sagt er. Regionale Netzwerke wie MedEcon Ruhr bildeten eine starke Gemeinschaft und eine gute Anlaufstelle, um Forschungsprojekte gemeinsam voranzutreiben.

Health Reality: Projektpartner*innen entwickeln Prototypen

Im Rahmen des Health Reality-Projekts haben die Mediziner*innen, Forscher*innen und Entwickler*innen selbst prototypische VR-Anwendungen entwickelt. Eine virtuelle Skifahrt (siehe Video) soll Menschen, die viel am Schreibtisch sitzen, zu mehr Bewegung animieren. "Jede*r weiß, dass man alle halbe Stunde aufstehen und sich bewegen sollte. Aber das ist langweilig und niemand macht es", sagt Deiters. Die Entwickler*innen haben eine Skifahrt virtuell nachgebaut und physiotherapeutische Übungen zur Bewegungsförderung integriert. Die Skifahrt soll in wenigen Minuten die Muskulatur trainieren und Stress abbauen.

 

Eine weitere Anwendung adressiert die neurogenerative Erkrankung Morbus Parkinson, die häufig mit Muskelzittern einhergeht. "Angehörige können sich oft nicht in die Situation der Patient*innen hineinversetzen und sind dann vielleicht verärgert darüber, wieso die Person schon wieder den Kaffee verschüttet hat", erklärt Deiters. Mit der VR-Anwendung (siehe Video) können Angehörige nachempfinden, wie sich Menschen mit Parkinson fühlen. Ein Hand-Controller überträgt Vibrationen auf die Hand. Über eine VR-Brille können die Nutzer*innen mit virtuellen Objekten interagieren und versuchen, alltägliche Aufgaben mit den eigenen Händen zu erledigen.

 

Von der Forschung in die Lehre

Wolfgang Deiters ist nicht nur Forscher, sondern auch Dozent. In seiner Lehre denkt er auch über Virtual Reality als Lehrmittel nach. "Wir haben eine Anwendung entwickelt, die einem Escape Room ähnelt. In einer virtuellen Welt bekommen die Studierenden Lernstoff vermittelt und müssen Aufgaben bearbeiten. Wenn sie die Aufgaben lösen, kommen sie aus dem Spiel heraus. Wenn nicht, können sie wieder von vorne anfangen." Anwendungen wie diese zeigen: Mit Virtual Reality lässt sich Spielspaß mit einem ernsthaften Ziel verbinden.

HS Gesundheit Bochum

Die Hochschule für Gesundheit in Bochum ist die erste staatliche Hochschule für angewandte Wissenschaften in Deutschland, die ausschließlich Gesundheitsberufe ausbildet. Neben der akademischen Ausbildung in den klassischen Gesundheitsfachberufen bietet die HS Gesundheit verteilt über vier Fachbereiche auch Studiengänge im Themenfeld Community Health wie Gesundheit und Diversity oder Gesundheitsdaten und Digitalisierung sowie zum Management im Gesundheitswesen an. Im Mittelpunkt steht die enge Verzahnung zwischen Theorie und Praxis.

Headerbild: HS Gesundheit; Bilder und Videos: GLUON STUDIOS GmbH lizensiert unter CC BY-NC-ND 4.0

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