Donnerstag, 14. November 2019

Zurück zum Ursprung

Die Ingpuls GmbH aus Bochum gehört zu Deutschlands lautesten Start-ups

Dr.-Ing. Burkhard Maaß zieht kräftig an der Spiralfeder und knickt den Draht, bis er ihn total verbogen zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Dann erhitzt er ihn mit einem Feuerzeug – und wie von Zauberhand kehrt das Metall in seine Ursprungsform zurück. „Ich könnte diesem Effekt den ganzen Tag zusehen“, sagt der CEO der Ingpuls GmbH. Seine Faszination für Formgedächtnislegierungen (FGL) ist ungebrochen. Den Werkstoff haben der 38-Jährige und sein Team maßgeblich weitererforscht und -entwickelt sowie als Unternehmer in neue Anwendungsbereiche geführt. Ein gutes Beispiel für die Innovationskraft, die von der Metropole Ruhr ausgeht.

Der Erfolg von Ingpuls ist laut Maaß eng mit der Region verbunden. Mit seiner Gründungsidee rannte er hier vor rund zehn Jahren offene Türen ein. „Endlich mal was Reales“, freuten sich die Kreditgeber, die bis dato vornehmlich digitale Gründungsvorhaben begleiteten. Auf dem kurzen Fußweg vom Verwaltungsgebäude zur Produktionshalle in Bochum-Werne lacht der Ingpuls-CEO: „Wir sind in Bochum die erste Gründung für Metallerzeugung seit über 90 Jahren.“ Sehr leicht sei es gewesen, vor Ort qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. „Zudem sind wir wahrscheinlich das lauteste Start-up Deutschlands!“ Am Eingang gibt’s Ohrstöpsel. Jeden Moment kann das Gekreische einsetzen, wenn die aus dem Ofen kommenden zylindrischen Nickel-Titan-Gussblöcke zu Drähten gezogen werden.

Automatische Stellbewegungen

Die Hightech-Metalle aus Bochum können überall dort zum Einsatz kommen, wo Stellbewegungen erforderlich sind. Sie stecken in Haushaltsgeräten, umrunden auf Forschungssatelliten die Erde und rollen über die Straßen. In Kühlkreisläufen von Motoren eines Stuttgarter Autokonzerns ersetzen sie Elektronik, Sensoren und Servomotoren. Sobald eine bestimmte Temperatur überschritten wird, öffnet die eingangs von Maaß demonstrierte Feder ein Ventil, welches dann Kühlflüssigkeit durchlässt. Sobald die Temperatur wieder sinkt, sorgt eine Gegenfeder dafür, dass sich das Ventil wieder schließt. Dabei wird die erste Feder zusammengedrückt und das Spiel kann von neuem beginnen.

Geräuschlos und leicht

„Das ist wie in der Grundschule: Alle Kinder laufen wild durchs Klassenzimmer, und wenn die Lehrerin hereinkommt, setzen sie sich an ihren Platz“, erklärt Familienvater Maaß die Prozesse auf atomarer Ebene. Formgedächtnislegierungen sind schon seit den 1950er-Jahren bekannt. Massenhaft werden FGL als Stents eingesetzt, um Gefäße offen zu halten. „Viele Unternehmen haben diese kostengünstige, geräuschlose und leichte Materiallösung überhaupt nicht auf dem Schirm“, sagt Maaß. Angesichts der riesigen Margen in der Medizinbranche drangen die großen Hersteller von FGL nicht in andere Anwendungsbereiche vor und sparten sich weitere Forschungsarbeit. Diese Innovationslücke füllt die Bochumer Ruhr-Universität aus. Der von Prof. Dr.-Ing. Gunther Eggeler besetzte Lehrstuhl für Werkstoffwissenschaft gehört zur Weltspitze. „Das ist ein Schlaraffenland“, sagt Maaß, der unter Eggeler Maschinenbau studierte. „Hier wird sehr viel zu FGL geforscht und publiziert. Stark vertreten ist der Bereich auf internationalen Konferenzen.“

Auftrag für Millionen FGL-Federn

Aus dem Studium heraus gründete Maaß 2009 Ingpuls zusammen mit seinen Kommilitonen André Kortmann und Christian Großmann. Zu Beginn boten sie an, was sie neben der Anstellung an der Uni als Institutsmitarbeiter anbieten konnten: Patentrecherche und Machbarkeitsstudien. Später kombinierten sie Beratung mit Produktion. Ein Nutzungsvertrag für Anlagen des Instituts für Werkstoffe der Ruhr-Universität ermöglichte es ihnen, FGL-Teile in kleinen Mengen zu fertigen. Doch die Anfrage für den Stuttgarter Autohersteller änderte alles. Es galt, aus dem Stegreif heraus innerhalb von wenigen Monaten eine Produktion für über eine Million Federn auf die Beine zu stellen und zu finanzieren. Für Maaß war klar, dass sich die Produktion für seine innovativen Metallteile nur in der Metropole Ruhr umsetzen ließ: „Wo, außer im Ruhrgebiet, ist so etwas möglich?“

Ein Kind des Ruhrgebiets

Geboren wurde Maaß in Winterberg, nur ein paar Kilometer von der Ruhrquelle entfernt. Seine Eltern folgten alsbald dem Flussverlauf, um im Ruhrgebiet heimisch zu werden. Tüfteln war immer sein Ding. Als Kind spielte er mit Kosmos-Experimentierkästen und Lego-Technik. Das Kinderzimmer hing voller selbstgebauter Modellflugzeuge. Später baute er mit seinem Vater fast im Alleingang ein Haus. Maaß: „Für mich war immer klar, dass ich Ingenieur werde.“

Aufgaben statt Herausforderungen

Burkhard Maaß ist Ingenieur durch und durch. Einer, der nicht von „Problemen“ spricht oder diese gar zu „Herausforderungen“ erhöht, sondern von „Aufgaben“, die er eine nach der anderen abarbeitet, bis eine Sache funktioniert. Dabei hat er so manche heilige Kuh geschlachtet, die rund um FGL als gesetzt galt. „Geht das wirklich nicht?“, fragten sich Maaß und seine Mitgründer immer wieder, wenn sie in der Fachliteratur von unüberwindbaren Hindernissen lasen, die gewünschten Metalleigenschaften im Weg standen. Sie probierten viel aus, änderten die Prozesskette – und es funktionierte. Maaß schrieb sich sein eigenes Standardwerk mit dem Titel „Strukturbildungsprozesse bei der Herstellung und funktionelle Eigenschaften pseudoelastischer Ni-Ti-Cu-(X)-Formgedächtnislegierungen“. Bei Ingpuls wird diese Doktorarbeit immer wieder herangezogen, um Aufgaben zu lösen.

Blume aus Draht

An Aufgaben mangelt es Ingpuls nicht. Fast täglich gehen neue Anfragen ein. Egal, ob FGL-Aktoren Satellitenantriebe verbessern sollen oder ein Student seiner Liebsten beim Heiratsantrag ein Drahtbündel überreichen will, das sich in ihrer Hand durch die Körpertemperatur zu einer Blume formt: Vieles ist möglich, alles wird geprüft. Die drei Gründer haben sich neben dem unternehmerischen Impuls ihren Forschergeist bewahrt und sehen auch in der spleenigsten Anwendung immer noch den Sinn, das Material und seine Eigenschaften bekannter zu machen.

„Bemerkenswerte Lösungskompetenz“

Mit 55 Mitarbeitern fertigt Ingpuls inzwischen 1,5 Millionen FGL-Serienteile jährlich und die Auftragsbücher sind bis ins Jahr 2030 gefüllt. Der Umsatz beträgt rund 2 Millionen Euro. Das Unternehmen hat bei wichtigen Start-up-Wettbewerben abgeräumt. Zuletzt überreichte Ranga Yogeshwar den ersten Preis im TOP-100-Wettbewerb 2019. Die Begründung der Jury können sich die drei Gründer auf der Zunge zergehen lassen: „Ein herausragendes Merkmal des Unternehmens und seiner Innovationstätigkeit ist seine in dreierlei Hinsicht bemerkenswerte Lösungskompetenz: sowohl in Bezug auf den Innovationsgrad der Produkte als auch mit Blick auf die internen Prozesse sowie im Unternehmensaufbau und der Organisationsentwicklung.“

Innovationen aus der Metropole Ruhr

Die Zeichen stehen bei Ingpuls auf Expansion. Demnächst wird in der Nachbarschaft des Firmensitzes der Grundstein für eine neue 5.000 Quadratmeter große Halle gelegt, in der zwei weitere Produktionslinien aufgebaut werden sollen. Ob sie nicht daran gedacht haben, mal näher zu den Automobilherstellern zu ziehen? „Nein“, sagt Maaß. „Alles, was wir können, haben wir von hier.“ Die Gründer von Ingpuls fühlen sich mit der Mentalität der Menschen in der Metropole Ruhr verbunden. Woran sie diese festmachen? „Das merkt man einfach!“, sagt Maaß und erzählt, wie 40 bis 50 Leute, darunter ihm zum Teil unbekannte Nachbarn, halfen, als kurz vor Produktionsstart zwei Maschinen ausgetauscht werden mussten. „Auf die Menschen hier ist Verlass.“ Und für ihre Hightech-Metalle bräuchten sie die „Kombination aus Wissensstandort und Arbeitermentalität“ der Metropole Ruhr, aus der schließlich neue Ideen und Innovationen resultieren. Ingpuls ist damit auch Teil der sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelnden B2B-Start-up-Szene in der Metropole Ruhr, die insgesamt von der Wirtschaftskraft und dem hohen Know-how der Region profitiert.

Ab sofort hält der Regionalverband Ruhr (RVR) auch den offiziellen GUINNESS WORLD RECORDS®-Titel für den „Längsten Business Pitch Marathon“. Aufgestellt wurde der Rekord im Rahmen der Standortmarketing-Kampagne „Stadt der Städte“. Auf dem RuhrSummit 2019 schlug der RVR den bisherigen Rekordhalter im Dauerpitchen, Virgin Media Business von Sir Richard Branson. Insgesamt 74 Start-ups präsentierten sich exakt 29 Stunden am Stück gegenüber renommierten Investoren und dem Publikum. Burkhard Maaß: „Die Region ist mit ihrer Start-up-Szene im Aufbruch. Davon ein Teil zu sein, ist ziemlich cool.“

Pressekontakt
Regionalverband Ruhr

Pressestelle
Barbara Klask
klask@rvr.ruhr
+49 201 2069-201

Kronprinzenstraße 35
D-45128 Essen
Overlay schliessen