Warum das Ruhrgebiet so grün ist

87 Naturschutzgebiete, mehr als 16.000 Quadratkilometer Wald und etliche Naherholungsflächen wie Landschaftspark, Revierpark oder Stadtgärten: Wie es dazu kam, dass das Ruhrgebiet so grün ist. Ein Rückblick.

19. Jahrhundert: Bevor Bergbau und Industrie das Bild im Ruhrgebiet bestimmen, ist die Gegend ländlich geprägt. Das Idyll verschwindet zunehmend hinter Kraftwerken, Fabriken, Eisenbahnlinien und Autobahnen. Innerhalb eines knappen Jahrhunderts wächst die Bevölkerung um das Elffache: von 220.000 Menschen im Jahr 1818 auf 2,4 Millionen Menschen 1905. Deswegen wird es immer wichtiger für die Menschen vor Ort, inmitten der wachsenden Industrie Naherholungsflächen zu finden.

1920 bis 1960: Als sich 1920 der Siedlungsverband Ruhrkohlebezirk (SVR) gründet, ist genau das eines der wichtigsten Ziele: Zersiedelung zu verhindern und damit Grünflächen zu schützen, um sie der stetig wachsenden und dichter zusammenrückenden Bevölkerung zur Naherholung freizuhalten. Viele zusammenhängende Flächen werden zu regionalen Grünzügen entwickelt. Gleichzeitig werden viele Projekte wie die Revierparks angedacht.

1957 bis 1967: Als die Nachfrage nach Kohle zu sinken beginnt, schließen bald die ersten Zechen: Die Kohlekrise hat das Ruhrgebiet im Griff und beschleunigt den Wandel in der Region. Weil immer mehr Menschen abzuwandern drohen, soll die Region noch attraktiver werden. Im Ruhrgebiet will man voll auf Lebensqualität setzen und stellt 1967 ein Freizeitkonzept vor, das unter anderem die Revierparks mit Bädern sowie Flächen für Sport und Spiel zeigt.

1968: Auch Wald gehört zu der Sorte Grünfläche, die der SVR stärker in den Blick nimmt. Im Jahr 1968 erwirbt der Verband das Gelände Emscherbruch auf dem Gel­sen­kir­che­ner Stadt­ge­biet mit 135 Hekt­ar Wald. Damit ist es eine der ersten großen Waldflächen des Verbands.

1970 bis 1979: In den 1970er-Jahren nimmt das Freizeitkonzept des SVR Gestalt an. Die fünf Revierparks entstehen, mit Schwimmbädern, Eissporthallen, Spielplätzen oder Tierparks. Alle zwischen 30 und 45 Hektar groß. Als erstes eröffnet 1970 der Revierpark Gysenberg in Herne. Es folgen 1972 der Revierpark Nienhausen an der Stadtgrenze von Essen und Gelsenkirchen sowie 1974 der Revierpark Vonderort an der Stadtgrenze von Bottrop und Oberhausen. Im Jahr 1979 eröffnen die Revierparks Mattlerbusch in Duisburg und Wischlingen in Dortmund.

1989: Die Internationale Bauausstellung (IBA) gastiert im Ruhrgebiet. Mit dem Konzept nehmen die Organisatoren gezielt Flächen in den Blick, die von Bergbau und Schwerindustrie geprägt sind. Sie wollen zeigen, wie sie innovativ umgewandelt werden können. So entstehen neue Kulturstätten, Wohn- und Gewerbegebiete sowie weitere Grünflächen, etwa der Emscher-Landschaftspark.

Wieder oberirdisch und sauber: die Emscher.

1994: In Bottrop wird die Halde Beckstraße zu einer Pionier-Halde. Knapp 90 Meter über der Umgebung wird mit dem Tetraeder zum ersten Mal eine kunstvolle Landmarke auf einer der Halden im Ruhrgebiet errichtet. Die Landmarken stellen Ausflugsziele dar und locken auf diese Weise in die Naherholungsgebiete, die auf den Halden und um sie herum entstanden sind. Bis heute sind auf mehr als 20 Halden bemerkenswerte Installationen errichtet worden – von Tiger & Turtle in Duisburg über das Horizont-Observatorium auf der Halde Hohewart bis zur Halde Rungenberg mit der Lichtinstallation "Nachtzeichen" in Gelsenkirchen.

1997: Die erste Windkraftanlage wird auf einer Halde errichtet. Neben der inzwischen erneuerten Anlage auf der Halde Hoppenbruch gibt es heute insgesamt elf Windkrafträder auf den Halden im Ruhrgebiet – und sind ein klares Signal für den Wandel zur grünsten Industrieregion der Welt.

2014: Städte und Gemeinden des Ruhrgebiets verpflichten sich gemeinsam mit dem Land Nordrhein-Westfalen, dem Regionalverband Ruhr (RVR) sowie den Unternehmen Ruhrkohle AG und Ruhrkohle Montan Immobilien GmbH, die Metropole Ruhr ökonomisch, sozial und ökologisch weiterzuentwickeln. 20 über die Region verteilte Standorte werden dabei als Modell-Orte dafür gelten, wie Bergbau- und Industriearealen aufbereitet und nachgenutzt werden können. Dabei geht es zwar auch um Gewerbe- und Wohnflächen. Etwa 30 Prozent der Modell-Orte sollen jedoch für Freizeit- und Erholungszwecke umgenutzt werden.

Das Horizont-Observatoriuma auf der halde Hohewart ist eine von mehr als 20 Installationen auf Halden im Ruhrgebiet seit 1994.

2017: Der Seeadler kehrt nach mehr als 200 Jahren zurück ins Ruhrgebiet und bekommt in den folgenden Jahren Junge. Ein gutes Zeichen für das Ruhrgebiet. Denn der Seeadler ist wählerisch. Da wo er lebt, braucht er sauberes Wasser, einen gesunden Bestand an Fischen und Vögeln sowie Bäume, auf denen man einen Horst bauen kann. Und ganz viel Ruhe. All das finden die Tiere im Naturschutzgebiet Bislicher Insel am Rhein.

2019: Allein im Zeitraum von 2017 bis 2019 ist die Größe der Waldflächen im Ruhrgebiet von 14.829 auf 15.877 Hektar gestiegen, was einem Zuwachs von gut sieben Prozent entspricht.

2020: Ein Jahrhundertprojekt erreicht nach 30 Jahren einen Meilenstein. Die Emscher, die von den Menschen vor Ort Ende des 19. Jahrhunderts den Rufnamen "Köttelbeke" bekam und als Kloake des Ruhrgebiets galt, führt erstmals seit 170 Jahren reines Wasser – und ist frei von Abwasser. Seit der Internationalen Bauausstellung (1989) arbeitet die Emschergenossenschaft am Umbau des Flusssystems und hat inzwischen insgesamt mehr als fünf Milliarden Euro in das Großprojekt investiert, um unterirdische Abwasserkanäle zu bauen und Flusslandschaften zu renaturieren. Das Ziel: Ein Zustand, wie ihn im Mittelalter ein Chronist beschrieb: Ein Fluss, mit "vortrefflich klarem Wasser", reich an Fischen und Krebsen.

Der Seeadler ist nach mehr als 200 Jahren seit 2017 wieder im Ruhrgebiet zu Hause. Foto: Hans Glader

2022: Die Metropole Ruhr hat nicht nur im Verhältnis zu ihrer Fläche die meisten Freizeit- und Erholungsflächen der größten deutschen Metropolregionen. In einer Studie hat das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ermittelt, dass 80 Prozent der Bevölkerung zwischen Lippe und Ruhr die nächste Grünfläche mit dem Fahrrad in weniger als dreieinhalb Minuten erreichen. Vom Arbeitsplatz ins Grüne brauchen Menschen in der Metropole Ruhr im Durchschnitt 208,5 Sekunden. Vom Wohnort bis zur nächsten Grünfläche sind es aus sind es sogar nur 181,7 Sekunden – gut drei Minuten. Heißt konkret: Die Grünflächen sind genau dort, wo die Menschen sie benötigen: praktisch vor der Haustür.

2027: Im Jahr 2027 wird die Internationale Gartenausstellung (IGA) erstmals im Ruhrgebiet stattfinden. Ein großes Ziel: Zeigen, dass die Metropole Ruhr auf dem Weg zur grünsten Industrieregion der Welt ist. Fünf zentrale Flächen werden dabei weiterentwickelt. Eine besondere Aktion bis dahin: Für alle Einwohner*innen der Metropole Ruhr wird ein Baum gepflanzt. Bis 2027 wird es also fünf Millionen neue Bäume geben.  

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